Ein Tier, viele Gerichte: So geht nachhaltige Wildküche

Nach einer erfolgreichen Jagd beginnt die eigentliche Arbeit. Nicht nur draußen im Revier, sondern vielmehr drinnen – und zwar dort, wo Wild weitergedacht wird: in der Kühlung, in der Wildkammer, in der Küche. Denn wer ein Tier erlegt, steht auch vor einer sehr praktischen Frage: Was passiert danach?

In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit oft abstrakt bleibt, ist Nose-to-Tail beim Wild eine der greifbarsten Formen von Verantwortung. Gemeint ist die vollständige Verwertung des Tiers – nicht nur der „Edelstücke“, sondern auch jener Teile, die heute häufig unterschätzt werden.

Dabei ist Nose-to-Tail kein neuer Trend, vielmehr ein recycelter. In Österreich war es über Generationen hinweg selbstverständlich, dass ein Tier möglichst komplett genutzt wurde. Innereien, Knochen, Abschnitte: Was früher Alltag war, wird heute wieder neu entdeckt.

Wildpastete moder interpretiert, Nose-to-Tail - WILD OESTERREICH informiert

Welche Teile traditionell genutzt werden

Während in der klassischen Küche meist Rücken, Keule und Filet im Vordergrund stehen, schätzen heute viele (Hobby-)Köche auch wieder vermehrt andere Stücke– vor allem wegen ihres Geschmacks und ihrer Vielseitigkeit.

Dazu gehören:

  • Leber: Grundlage für Leberknödel, Pasteten oder gebratene Scheiben
  • Herz: sehr mager, kräftig im Aroma, ideal zum Schmoren oder als Ragout
  • Herz & Lunge: klassisch in der österreichischen Küche gekocht als Beuschel
  • Zunge: nach dem Pökeln besonders zart, klassisch gekocht und mit Kren serviert
  • Nieren: früher häufig, heute seltener – meist in Rahmsaucen oder gegrillt
  • Knochen und Abschnitte: unverzichtbar für Fonds, Wildsuppen und Jus

Gerade bei Reh- und Gamswild zeigt sich: Rücken und Keule machen nur rund 35 bis 40 Prozent des verwertbaren Fleischanteils aus. Ein großer Teil steckt in Schulter, Hals, Rippen, Innereien und Knochen.

Hygiene und Handling: Innereien sind empfindlich

Wer Nose-to-Tail kocht, muss freilich besonders sorgfältig arbeiten. Innereien sind nährstoffreich, aber auch deutlich empfindlicher als Muskelfleisch.

Wichtige Grundregeln:

  • Innereien sollten spätestens innerhalb von zwei bis drei Stunden sorgfältig gekühlt werden. Wichtig ist dabei, sie zunächst nicht luftdicht zu verpacken – geschlossene Plastikgefäße oder Tiefkühlsackerl würden ein „Absticken“ begünstigen. Erst nach etwa zwölf Stunden Kühlzeit sollten die Innereien geschlossen verpackt werden.
  • Lagertemperatur: konstant 0 bis 4 °C
  • Leber und Herz möglichst am selben Tag zubereiten oder rasch einfrieren
  • Zunge sollte immer gut durchgegart werden
    (Kerntemperatur mindestens 70 °C)
  • Knochen für Fonds müssen frei von Verunreinigungen sein

Richtig behandelt, sind diese Teile nicht nur sicher, sondern kulinarisch besonders interessant.

Vitamine und Mineralstoffe: Wild kann mehr als „mageres Fleisch“

Wild wird oft vor allem als besonders fettarme Eiweißquelle wahrgenommen. Doch gerade jene Teile, die in der modernen Küche häufig übersehen werden, gehören ernährungsphysiologisch zu den interessantesten. Innereien und Knochen liefern eine hohe Nährstoffdichte und enthalten Vitamine sowie Spurenelemente in Konzentrationen, die Muskelfleisch deutlich übertreffen.

So steckt etwa in der Leber eine bemerkenswerte Menge an Vitamin A und Vitamin B12, dazu kommen Eisen und Kupfer – Mineralstoffe, die für Blutbildung, Zellstoffwechsel und Immunsystem eine zentrale Rolle spielen. Auch das Herz gilt als echtes Kraftpaket: Es liefert hochwertiges Eiweiß, wichtige Spurenelemente wie Zink und Selen sowie Coenzym Q10, das besonders im Energiestoffwechsel eine Funktion hat.

Und selbst Knochen und Abschnitte sind kulinarisch und ernährungsphysiologisch wertvoll. Ein langsam gekochter Knochenfond bringt Kollagen, Mineralstoffe wie Kalzium und Phosphor und vor allem jene intensive Aromatik, die Wildgerichte erst vollständig macht. Insgesamt ist Wild damit nicht nur regional und nachhaltig, sondern auch ein Lebensmittel mit hoher Qualität – deutlich anders als industriell produziertes Fleisch aus anonymer Herkunft.

Kulinarische Idee: 1 Tier, 5 Gerichte

Jetzt aber zurück zum eigentlichen Thema – und dazu gleich die gute Nachricht: Nose-to-Tail muss nicht kompliziert sein. Oft reicht ein einfacher Zugang:

Aus einem Stück Wild lassen sich mehrere Gerichte entwickeln – vom klassischen Wirtshausgericht bis zur modernen Interpretation. So entsteht aus einem Tier nicht nur ein Braten, sondern sozusagen ein ganzer kulinarischer Baukasten.

Oder anders ausgedrückt: Wer Wild nutzt, hat die Chance, mehr daraus zu machen als ein einzelnes „bestes Stück“ – nämlich eine Küche, die Respekt und Handwerk verbindet.

Ein 1-Tier-5-Gerichte-Beispiel:

1. Leberknödel in Wildsuppe
traditionell, kräftig, ideal als Vorspeise

2. Herzragout mit Wurzelgemüse
langsam geschmort, aromatisch und mager

3. Zunge, gepökelt und gekocht, mit Kren und Erdäpfeln
ein fast vergessenes Festtagsgericht

4. Knochen-Bouillon vom Träger
die Essenz des Wildes

5. Geräucherte Edelstücke oder Schinken
haltbar gemacht und perfekt für die Jause

Ein Beitrag von U. Macher | Jagdfakten.at Redaktion | Foto Credits: iStock

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